Impressum und TMG

Text aus “Schmach. Die Schuld eine Frau sein. Ein Lesebuch für Frauen und Männer
von W. A. Siebel.

Entwurf einer anthropologischen Ästhetik

Doch nun möchte ich von einem ästhetischen Verhältnis reden, ohne dieses von anderen Verhältnissen zu unterscheiden, in denen der Mensch existiert. Dabei setze ich als nicht mehr zu begründende Erkenntnis voraus, daß der Mensch in seinem Menschsein konstituiert ist durch Primär-Identität, Selbst, Person und Ich (26). Das, was wir als Ich jedoch erleben, hat z.B. mit unserem Selbst nur noch so viel zu tun, wie Verwundungserfahrungen davon übriglassen; internalisieren wir doch die Vorstellungen, die sich andere von uns gemacht haben, als wir in der vorlogischen Phase gewesen sind. Der Einfluß dieser Inhalte des Unterbewußten unseres Geistes macht sich wegen der durch Verwundung angefärbten Selbstvorstellung gerade auch in unserem Blick auf uns selbst wie auch auf Nichtselbstiges bemerkbar. Unsere Sprache drückt diese Vorstellungswelt und die mit ihr verbundene Weltsicht nur zu deutlich aus, auch wenn wir wegen der Sprechgewohnheiten nicht so genau darüber nachdenken.

Die herrschende Sprache und ihre Regeln sind stets eine Form der Herrschaftsausübung der Herrschenden und haben damit immer eine soziologisch definierbare Komponente im Hinblick auf die Gemeinschaft, die diese Sprache spricht. Patriarchale Kulturen verwenden die Sprache der herrschenden Männer und enthalten Frauen das Recht vor, eine eigene Sprache zu entwickeln, so daß Frauen sich nicht selbst einsehbar bleiben, d.h. sich selbst über die patriarchale Struktur verstehen müssen (siehe Anm. 3).

Senta Trömel-Plötz hat sich besonders auf linguistischem Gebiet mit dem Problem Männersprache/Frauensprache auseinandergesetzt und in ihren empirischen Untersuchungen herausgearbeitet, daß Frauen durch sprachliche Zurückhaltung, Zögern, Überkorrektheit und Bereitschaft zur Zurücknahme von Gesagtem männlichen Gesprächspartnern mehr Raum für deren individuelle Neigungen zubilligen. Die Untersuchungsergebnisse, die im 6.Kapitel “Väter haben wir alle” veröffentlicht sind, unterstützen diese Beobachtungen. Wir haben herausgefunden, daß im Erstkontakt einer Frau mit einem Mann dessen Wirkung auf sie im Mittelpunkt steht, dessen Wirkung der besonderen Art: ob sie auf Raumlassen für die Frau zielt oder nicht; Frauen fragen unterbewußt zuerst nach dem Raum, den ein Mann ihnen läßt. Beide Beobachtungen zusammengenommen führen zur These, daß Frauen mehr als Männer gelernt haben, Vermeidungsstrategien anzuwenden, d.h. sie neigen dazu, Konflikte durch Aufgabe eigener Interessen zu lösen. Das trifft selbst dann zu, wenn, formal betrachtet, eines ihrer Interessen in Machtkämpfen zu gewinnen scheint, da dieser Sieg gegen sie verwendet werden kann, indem sie darauf festgelegt und deshalb sozusagen handhabbar werden.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: die Phonetik. Das weiche, entspannende und durchblutungsfördernde Wort “ich” unterscheidet sich vom dunklen, melancholisch angefärbten “du” ganz enorm. Dem “ich” verwandt scheinen dann “wir” und “ihr” und “sie” wegen des “i”, doch die Klänge dieser Wörter sind wesentlich anders gefärbt: Beim “wir” hören wir vor dem “r” schnell noch ein kurzes “a”, da es sonst zu sehr nach “wirr” klingt, was auch für das “ihr” gilt. Nur das “sie” als 3. Person scheint offen zu klingen, wenn wir den Start des Wortes mit dem “s” und damit alle Silben, die sich an das “sie” anhängen können, wie z.B. “siegen”, überhören. Und welche Assoziation weckt das “er”? Wir brauchen es bloß mit einem “h” in der Mitte zu versehen.

Bekannt sind die sogenannten motivierten Zeichen eines Wortes, wie z.B. Schäfer, da hören wir das Wort Schaf und wissen, worum es sich bei dieser Zeichenfolge handelt. Aufmerksam gemacht wurde schon oft auf die Motive “Herr” und “herrlich”, “Dame” und “dämlich” und “Frau” und fraulich”. Was in diesen Adjektiven nicht alles mitklingt! Nehmen wir ein “internationales” Beispiel: Kopulation, ein Fremdwort für das Eingehen einer ehelichen Beziehung, in altem Kirchendeutsch für den Vollzug der Trauung. Wir finden dieses Wort wie folgt wieder:

Englisch “couple” (z.B.: Liebes-, Braut-, Ehepaar).

Französisch “couple” (Paar)

Italienisch “coppia” (Paar)

Lateinisch “copula”: Leine, Koppel !

Deutsch: Koppel, kuppeln (mit entsprechenden Vorsilben), Kupplung usw.

Sachliche Paare können italienisch “paio”, französisch “pair” und englisch “pair” heißen. Doch eine Koppel Jagdhunde wird wieder mit “couple” bezeichnet.

Die oft gelästerte Umformung des verallgemeinernden “man” in “frau” scheint ebenso notwendig, wie die Beachtung des Sachverhaltes, daß wir statt “einige” gerne “manche” verwenden, jedoch nie “frauche”. Auch die Wortverbindungen mit “mannig” sind vielfältig. Wer bedenkt, daß wir bei dem englischen Wort “history” eben auch “his story” hören? Doch welcher Historiker bedenkt “her story”, wo doch Weltgeschichte von Männern gemacht und geschrieben wird, die in der Geschichte welten und walten. Zu guter Letzt: Selbst das Wort “Mensch” hat eine männliche Vergangenheit. Es entwickelte sich aus dem althochdeutschen “mannisco” über “mennisco” und “mennisc”. Glücklicherweise schwingt doch im Wort “Mensch” mittlerweile das weibliche Geschlecht mit (so hoffe ich), so daß wir es trotz des männlichen Artikels verwenden (dürfen).

Sprache kann regenerierend wirken (27) und das auf zweierlei Weise: In der verbalen Kommunikation sprechen wir z.B. vom “erlösenden Wort” und wissen sofort, was wir damit sagen wollen. Doch auch in der non-verbalen Kommunikation reden wir von “Sprache”, von der “Sprache der Augen” oder wir finden das Verhalten eines Menschen “ansprechend”. Hinter dieser Verwendung des Begriffs “Sprache” leuchtet der Begriff “Würde” auf: Wir fühlen uns von der Sprache der Augen als Gegenüber gewürdigt, wir fühlen uns von der ansprechenden Art eines Menschen angemessen gewürdigt. Doch was meint diese Relation von Würde und Sprache? Sie äußert ein ästhetisches Verhältnis: Würde schönt, so mögen wir es empfinden, doch es verhält sich gerade anders: Wir entscheiden, ob wir die Schönheit von Würde erkennen wollen oder lieber mißachten, wir entscheiden entsprechend unserer internalisierten Selbstvorstellung. Was den einen Menschen “schönt”, mag dem anderen eine Zumutung sein. Der subjektive Relativismus organisiert diesen Blick, der Bekanntes sucht, um Bisjetziges zu erhalten und diesen Erkennungsreflex als schön zu empfinden. Wir können dies die unterbewußte Selektion oder auch tendenziöse Apperzeption (28) nennen.

Diese unterbewußt gesteuerte Auswahl liefert keine Beschreibung, keine Deskription, sie kann nur zu Präskriptionen, formal betrachtet zu Vorschriften führen, die jedoch nicht leicht zu durchschauen sind. Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Die Verwechslung von “schön” mit “nützlich” kann sich z.B. ausdrücken in dem Satz: “Du bist schön”. Er muß dann verstanden werden als Aufforderung: “Bleibe mir nützlich”. Dieser Satz kann jedoch auch eine getarnte Liebeserklärung darstellen. Er soll dann verstanden werden als Bitte, Gleiches mit Gleichem abzugelten, da der Vergleich mit anderen Menschen das entscheidende Kriterium ist. Und dieser Vergleich ist zugunsten dieser so angeredeten Person ausgefallen, sie möchte nun bitte entsprechend reagieren. Als formal getarnte Liebeserklärung ist dieser Satz also ein Unterwerfungsangebot. Er kann jedoch auch ein Erstaunen ausdrücken, ein Erstaunen darüber, daß sich ein Mensch dem anderen gegenüber geöffnet hat, daß dieser andere nun neue Einsichten gewinnt, neue Informationen, eben auch über sich selbst, bekommt. Dies Erstaunen überwindet die negative Selbstsicht, dies Erstaunen deutet den Zusammenhang zwischen Anmut und Ordnung, zwischen Charme und Würde. In diesem Erstaunen erlebe ich mich zuerst einmal nicht selbst, sondern die andere Person und wie sie in ihrem schönen Sein mir etwas mitteilt, was mir womöglich bis dahin verborgen geblieben ist. Dann erst sehe ich, wie ich sehe und daß mein Sehen eine Nachricht in diesem Widerfahrnis von “leben” erhält, die ich erkennen und annehmen kann: Das Vermögen meines Sehens ist in der Lage, diese Einsicht in mir wirken zu lassen. Und das gibt mir auch eine neue Information über mich selbst, die entgegen allen Verwundungserfahrungen (siehe 1. Kapitel zur Mutter-VA und zur Vater-VA) eine lebenbejahende Botschaft enthält.

Schönheit zielt also auf “Wirkung”, nicht jedoch um gefangenzunehmen, sondern sie zielt als Abbildung der Ordnung, in der wir seinen dürfen, auf Annahme.

Es gibt zwei Wege, Ästhetik in ihrer Lebendigkeit zu schauen: Gerechtigkeit (sich in den Widerfahrnissen von “leben” richtig fühlen) plus Treue (das fühlende Jasagen zur Menschlichkeit des Menschen), Recht (auf die Widerfahrnisse von “leben”) plus Einlaß (in diese Widerfahrnisse), Raum (zur selbstbestimmten Möglichkeit, das Recht auf sich selbst leben zu dürfen) plus Quelle (des Mutes) und Sexualität (inhaltvolle, sensuelle Relation) plus Einsicht (in die Andersartigkeit des anderen Menschen und in die eigenen Antworten darauf; siehe hier 5. Kapitel “Sensualität und Sexualität”).

“Zeitlos schön” mag durch Konvention genannt werden, was an menschlichen Produktionen gefällt, sobald das Interesse an Änderungen erlischt, die ständig neu unsere Stellungnahmen herausfordern. Lebendiges ist nicht zeitlos, also auch nie zeitlos schön, es istet schön, und das jeden Augenblick neu. Unsere Tendenz, auf das Wiedererkennbare zu schauen, um uns über Bisjetziges zu orientieren, verschleiert (Schleierblick!) das Neue, das Eigentliche eines Augenblicks. Das ist der Kern jeder Mißachtung, die sich bereits in jedem “schon wieder” zu erkennen gibt. Doch nur wer sich selbst in den Widerfahrnissen von “leben” richtig fühlt, also sich selbst als gemeint und gewollt erkennt, und seine Selbstvorstellung darüber definiert, vermag sich selbst als “schön seinend” zu schauen, denn wir sind für jedes Widerfahrnis von “leben” attraktiv, wir werden, so können wir es uns zugestehen, geradezu vom “leben” angezogen, es steht uns gut, es kleidet uns, es schmückt uns. Wer wollte dem noch etwas hinzufügen oder diesen Sachverhalt verbessern?

Aus diesem Sachverhalt heraus, daß “leben” uns kleidet, läßt sich Nacktheit als Symbol für Verwundbarkeit gleichsetzen mit unserem primäridentischen Vermögen, uns geschlechtsspezifisch, d.h. dann eben auch natürlich und ohne Verkleidung zu äußern, statt uns zu verrätseln und über innere Starre andere in Verwirrung zu stürzen, die uns scheinbare Sicherheit vor den sogenannten unzumutbaren Neuerfahrungen verspricht. Die in der Kindheit gelernte Angst vor der Enttarnung unseres vermeintlichen Nichtrichtig-seins oder Noch-nicht-richtig-seins führt im Verbund mit der Verwerfung genuiner Anteile und deshalb ihrer Mißachtung letztlich doch immer wieder nur in die Entfremdung von sich selbst, die sich mit der frühkindlichen Todesidee der Verwundungserfahrungen verbindet und unser Überlebenssystem aktiviert.

Ästhetik weitet die Sicht auf die Ordnung, in der wir uns selbst als richtig empfinden können. Diese Sicht auf sich selbst verabwest Gewalt und offenbart die Gefügtheit menschlicher Individualität und läßt deshalb Gemeinschaft als Effekt gelten, indem das Sich-richtig-fühlen zusammen mit dem Gefühl der Gewißheit Achtung wirkt.

Von der These, daß ein Mensch geboren wird mit allem, was er zum Widerfahrnis von “leben” braucht, schließen wir auf das Gebiet der Ästhetik: Jeder Mensch istet (!) schön. Die Konkretion menschlicher Seinsweise wird durch den Begriff der Schönheit zutreffend gekennzeichnet.

Schönheit hat eine unverwundbare Beziehung zum Heil und ist das unablösbare Attribut der Ordnung aller Widerfahrnisse von “leben”. Anthropologische Ästhetik beschreibt als vom Menschen betriebene Theorie über die wahrnehmbare Schönheit der Würde von “leben” diese Zusammengehörigkeit als zwanglose Leichtigkeit, in der sich die Eleganz der in uns fühlbaren Geborgenheit äußert. Das Ergriffensein von dieser ästhetischen Sicht löst Engagement für deren Zusammenhang aus. Engagement als Einlaß in den achtungsvollen Umgang erweist sich als “Freiheit für das Recht auf “leben”, und da genau ereignet sich Öffnung für die neuen Informationen, die unsere Selbstvorstellung dahingehend korrigieren, daß wir uns als vom “leben” Gewollte und Gemeinte neu verstehen lernen. “Ästhetik sagt nicht, was schön ist, sondern beschreibt, wie etwas schön ist” (29).

© 2020 DarCon (R) GmbH